Mal eine Frage, die ich mir selbst gestellt habe.
Im ersten Teil dieses Postings habe ich versucht, deutlich zu machen, dass das professionelle, gegenwärtige, aber nur noch als Ideal und als unerfüllbar Utopie in den Köpfen der SozialarbeiterInnen existierende Konzept – trotz seiner Mängel, auf die ich in diesem Posting eingehen werde – keine neoliberale Variante ist, sondern in wichtigen Aspekten dieser Ideologie entgegensteht. Deshalb halte ich es für notwendig und sinnvoll, das professionelle Konzept offensiv zu vertreten und zu unterstützen.
Dennoch ist dieses professionelle Konzept ein idealistisches Konzept, das heißt: Es beschreibt eine Wunschwelt, in der alle Menschen bereit sind, solidarisch miteinander umzugehen und auf Gerechtigkeit zu achten. Es nennt Ziele und Haltungen und scheint aber zu glauben, dass eine gerechtere Welt allein durch den Willen ethisch und humanistisch eingestellter Menschen erreicht und umgesetzt werden kann. Es ist kein Wunder, dass dieses Konzept, sei es das Konzept der Menschenrechtsprofession, sei es das Konzept der Lebensweltorientierung, sehr schnell als eine Art Utopie erlebt und behandelt wird und angesichts der ganz anders gearteten Praxis zu einem uneinlösbaren Ideal verkommt, das für die konkreten Aufgaben in der Praxis keine klaren und widerstandsfähigen Handlungsorientierungen gibt.
Die politischen und wirtschaftlichen Ursachen der Problemlagen der Menschen, der derzeitig stattfindende Niedergang einer humanistischen Gesellschaft, wie wir ihn gerade so drastisch erleben und ebenso die erforderlichen Bedingungen, die gebraucht werden, um konkret in der Praxis entsprechendes Handeln anleiten zu können, werden nicht diskutiert und weitgehend ausgeklammert. Damit bleibt dieses Konzept eben immer nur ein abstraktes Wunschbild, der Traum von einer anderen Welt voller gutmeinender Menschen.
Und weil das so ist, wird es nicht reichen, das gegenwärtige professionelle Konzept zu beschwören und zu verteidigen. Es müsste – wie ich es in meinem Buch ausgedrückt habe – neu kalibriert werden, es müsste seine Werte und Absichten aus dem Bereich Hoffen und Wünschen herausholen und die faktischen politischen und ökonomischen Bedingungen aufzeigen, unter denen diese andere gerechtere Welt sich entwickeln kann und soll.
Aus diesem Grund gibt es einige zentrale Kritikpunkte am bestehenden Konzept, de es gälte zu überdenken und neu zu kalibrieren:
a. Ich habe in meinem Buch zu einen die konzeptionellen Aspekte benannt, die ein NoGo darstellen, weil sie die neoliberale Sichtweise auf Menschen und Soziale Arbeit beinhalten. Das wären kurzgesagt folgende Aspekte:
– Aufgabe der Betriebswirtschaft und ihrer Logik als zentrale Denk- und Handlungs-Orientierung
– keine Beschränkung auf Employability
– keine Dominanz der Effizienz vor der Fachlichkeit
– Keine Reduktion des Menschen auf sein Humankapital
b. Dann gibt es eine ganze Reihe von Aspekten der bestehenden Konzeption, die aus meiner Sicht in die richtige Richtung gehen und die beibehalten werden müssten – und für die es lohnt, sich einzusetzen. Das sind im Wesentlichen die konzeptionelen Vorstellungen, die hier in Kapiel 4 vorgestellt wurden.
c. Darüber hinaus aber bedarf es einiger wesentlicher konzeptioneller Veränderungen und Neuerungen, die das sozialarbeiterische Konzept auf feste Füße stellen und gegen eine neoliberale Vereinnahmung immun machen könnten.
Zu unterscheiden ist dabei zwischen strukturellen und inhaltlichen Aspekten.
ca. Zu den erforderlichen strukturellen Voraussetzungen, die für das professionelle Konzept erarbeitet werden müssten, gehören:
– Das Kontzept sollte explizit für alle Arbeitsfelder gültig sein; das heißt, es braucht ein Konzept, das in allen Arbeitsfelder gleichermaßen zutreffend ist, wenn es sich auch im Konkreten unterschiedlich zeigt.
- – Es bedarf der Einbettung in ein ganzheitliches Gesellschaftskonzept, denn die Probleme und Themen, mit denen die Soziale Arbeit konfrontiert wird, sind unmittelbar und untrennbar mit den gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden.
- – Es sollte ganz offensiv die kritische Reflexion und die Infragestellung der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse zur eigenen konzeptionellen Aufgabe erklären.
- – Es darf sich nicht als Utopie verstehen und damit sich selbst entwerten, sondern seine praktische Umsetzung fordern und anleiten.
cb. Inhaltlich sind etwa folgende Aspekte neu zu erarbeiten und zu bewerten:
- – Erforderlich ist eine konkrete Rückbesinnung auf die Soziale Frage als dem Impulsgeber der Sozialen Arbeit in ihrer Rolle in der kapitalistischen Gesellschaft
- – Das heißt u.a. erforderlich ist die Konzentration gerade auf die Menschen, die am Rande dieser Gesellschaft stehen und stehen gelassen werden.
- – Konkret heißt das auch: eine bewusste Akzeptanz der latenten Nichtbereitschaft und der verschiedentlichen Widerstände von Menschen im Kontext einer sozialarbeiterischen Intervention und die Bereitschaft der Sozialen ArbeiterInnen, sie zu motivieren und nicht von vorneherein ihre Motivation und ihr Engagement zu fordern
- – Es muss sich klar und offensiv zur Tatsache verhalten, dass die die Probleme der Menschen weitgehend eine Folge der gesellschaftlichen Verhältnisse sind und sie ihnen nicht als allein Verantwortliche oder gar selbst Schuldige zugewiesen werden dürfen.
- – Damit einher geht eine Abwendung von individualisierenden Methoden und Vorgehensweisen
- – Damit einher geht auch, dass Lösungen für die Problemlagen nicht allein bei den Betroffenen zu finden und zu entwickeln sind, sondern ebenso und auch vordergründig in den gesellschaftlichen Verhältnissen und dabei bei den konkreten Lebensbedingungen in der Lebenswelt der betroffenen Menschen.
Ich will nicht darüber hinwegsehen, dass eine solche Neukonzeption nicht nur in einem radikalen Gegensatz zum Neoliberalismus stünde, sondern ebenso die idealistischen Vorstellungen des gegenwärtigen Konzeptes über den Haufen werfen und sehr viel klarer Forderungen an die reale Praxis stellen würde. Und ich weiß, dass jeder Versuch sehr schnell und unvermeidbar an die Grenze des herrschenden politischen Systems stößt, der eine humanistische, auf Menschen orientierte Konzeption Sozialer Arbeit nicht nur als neues Ideal konzipiert, sondern sich auch darum bemüht, die konkrete Praxis in diesem Sinne zu gestalten.
Ein solches Konzept und seine Anwendung können ganz sicher nicht allein die Macht und Kraft entwickeln, die Verhältnisse grundlegend zu verändern. Vielleicht aber können sie eine Vorstellung von Menschlichkeit entfalten und aufrechterhalten, die zurzeit gerade in der Versenkung verschwindet. Vielleicht kann eine entsprechende Soziale Arbeit auch Keimzellen einer veränderten menschlichen Umgangsweise in unserer Profession hervorbringen, die sich politisch weiter ausbreiten. Und sie kann sich mit den politischen Kräften solidarisieren und zusammeschließen, die ihre Absichten teilen.
Das aber wird nur geschehen, wenn sie ihr Konzept nicht länger als unerreichbares Ideal versteht, sondern die konkrete Umsetzung der Werte und Ziele verfolgt und erkämpft.






„Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute“ ist ein Buch, auf das ich schon lange gewartet habe, weil genau diese Entwicklung seit…