Was eine kleine Streichung im Text ausmacht…
Neben den größeren Abschnitten, die aus dem Interview-Text gestrichen wurden, habe ich jetzt auch noch einige ganz kurze Textstellen entdeckt, die geändert oder gestrichen wurden.
An einer Stele ist das besonders bedauerlich, weil durch diese Kürzung sehr Wichtiges weggefallen ist. Es geht um die Telefonzelle, für die sich die BewohnerInnen der Obdachlosensiedlung Mühltal in der Stadtratsversammlung persönlich einsetzten.
Ich hatte im von mir autorisierten Interviewtext geschrieben:
Nach intensiven Rollenspielen mit den Sozialarbeitern waren die Bewohner zum Beispiel in der Lage im Stadtrat aufzutreten und die ersehnte und bitter notwendige Telefonzelle für die Siedlung einzufordern und durchzusetzen.
Abgedruckt wurde folgende Version:
Nach intensiven Rollenspielen mit den Sozialarbeitern waren die Bewohner in der Lage, im Stadtrat aufzutreten und eine Telefonzelle für die Siedlung einzufordern.
Was macht den Unterschied aus?
Der abgedruckte Text erweckt leicht den Eindruck. „Ach ja, für solche Sachen haben die sich eingesetzt. Gab es da nichts Wichtigeres?“
Was aber da dem Rotstift – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – zum Opfer gefallen und einfach weggewischt worden ist, ist der Blick auf die reale Notsituation dieser Menschen: Man bedenke, dass es damals noch keine Handys gab. Eine Telefonzelle war in der Siedlung die einzige Chance, in Notfällen z.B. einen Arzt zu erreichen, denn es gab bei keinem der Bewohner ein Telefon. Sie war auch die einzige Möglichkeit, in Kontakt zu Einrichtungen und Menschen der Stadt zu kommen, also die Isolation im abgelegenen Mühltal zu überwinden. Und diese Telefonzelle wurde der Siedlung Jahrzehnte lag verweigert mit dem Hinweis: „Ihr macht die doch sowieso gleich wieder kaputt“.
Der erbitterte Kampf und diese eine Telefonzelle war für die BewohnerInnen gleichzeitig ein Kampf um ihre Würde, ein Kampf darum, wie Menschen behandelt zu werden, und genauso wie alle BewohnerInnen der Stadt in den Genuss dieses damals selbstverständlichen Infrastruktur-Gegenstandes zu kommen.
Das alles drückt sich in der Formulierung „die ersehnte und bitter notwendige“ Telefonzelle aus.
Welche Bedeutung, die schließlich erkämpfte Telefonzelle für die Menschen tatsächlich dort hatte, kann man an dem Gemälde deutlich erkennen, das hier im Blog im Heather abgebildet ist und die Freude über die Veränderungen in der Siedlung deutlich zum Ausdruck bringt (und die übrigens in meiner Grafik Novel „Siedlung Mühltal“ deshalb auch einen entsprechenden Raum einnimmt.) https://zukunftswerkstatt-soziale-arbeit.de/grafic-novel-siedlung-muehltal/

Diese Telefonzelle wurde zum Symbol dafür, das die Mühltaler endlich von dem Rest der Gesellschaft nicht wie Menschen zweiter Klasse abgekanzelt und ausgeschlossen blieben, dass man ihnen zutraute, dieses kostbare Gut zu schützen und zu pflegen, dass man ihnen also Verantwortung zutraute und ihre Bedürfnisse anerkannte.

Deshalb war es mir wichtig zu betonen, dass diese Telefonzelle nicht einfach ein Gegenstand ist, den man gerne haben wollte, sondern für die Menschen in der Obdachlosensiedlun sehr viel mehr bedeutete und sehr viel wichtiger war.
Wir tendieren immer mehr dazu, uns nicht in die Lage derer hineinzuversetzen, denen es nicht so gut geht, wie uns selbst. Gestern erzählte mir eine KT-Leiterin, dass die Verwaltung einer Mutter ohne Rücksprache mit ihr den Kindergartenplatz für ihr Kind einfach gekündigt hat, weil die Mutter dreimal hintereinander das Essensgeld von 23, 20 Euro nicht bezahlt hatte. Als die KT-Leiterin sich bei der Verwaltung deswegen beschwerte und klar machte, dass dieses Kind einen Anspruch auf den KT-Platz hat, egal was die Eltern tun und dass es angebracht wäre, erst mal mit der Mutter darüber zu sprechen, warum sie nicht gezahlt hat, meinte der Verwaltungsangestellte: „Aber die läppischen 23 Euro, das kann doch jeder bezahlen, das ist doch nichts weiter.“
Warum erinnert mich das an den Spruch der französischen Königin kurz vor der französischen Revolution, als man ihr sagte, das Volk habe kein Brot: „Dann sollen sie halt Kuchen essen!“ oder auch an manchen Spruch, der derzeit in der Regierung fällt, wenn es um die Möglichkeiten geht, wie man den Sozialstaat noch weiter schleifen kann.


Das klingt sehr interessant und vielversprechend. Kann man über Ihre Pläne mehr erfahren? Liebe Grüße! Mechthild Seithe