Als ich vor einem Jahr in Berlin aus meinem Roman „Das war gestern, Ackermann“ vorlas und den Ausschnitt gewählt hatte, der das Gespräch zwischen dem Protagonisten Dieter und einem seiner Klienten wiedergibt, fragte mich im Anschluss einer der Zuhörer:
Aber war das nicht völlig unprofessionell? War das nicht eine fast freundschaftliche Beziehung?“
Der Klient im Roman, um den es da geht, ist ein psychisch auffälliger Mann, der in unregelmäßigen Abständen zu Dieter in die Sozialberatungsstelle kommt und ihm dort von seinem Problem im Alltag und auch von seinem Auftrag berichtet, den ihm Außerirdische anvertraut haben: Er soll über menschliches Leben und menschliches Empfinden schreiben. Die Außerirdischen sind offenbar neugierig und Paul Heisinger taucht mit aller Energie in diese Aufgabe ein. Im Gespräch geht es um einen Text, den er entwirft, worin er das Erlebnis des Einschlafens beschreiben soll.
Dieser Mann kommt mit seinem Leben offenbar zurecht, nur ab und an braucht er jemand, bei dem er sich aussprechen kann. Dieter bietet ihm diese Möglichkeit und vermittelt ihm Respekt und Interesse an seinem Projekt und bietet sich als Schutz gegenüber dem Rest der Welt an. Er diagnostiziert nicht, drängt den Mann nicht dazu, sich gegen seine Wahnvorstellungen behandeln zu lassen, verlangt keine Auskünfte und setzt keine Ziele. Er begegnet diesem Mann durch und durch menschlich und respektvoll und enthält sich eines Urteils darüber, wie er sein Leben lebt.
Dieses scheinbar passive, untätige Verhalten löste offenbar bei dem Zuhörer Irritationen aus. Er hatte den Eindruck, dieser Dieter täte gar nichts, handele fahrlässig gegenüber der Gesellschaft, ginge mit dem Mann um wie es vielleicht ein guter Freund täte, mehr nicht. Außerdem kam es dem Zuhörer merkwürdig vor, dass Dieter sich mit dem Klienten scheinbar auf eine Stufe stellte, seine Professionalität nicht demonstrierte, ja dem anderen nicht das Gefühl gab, dass an ihm und der Art, wie er lebte irgendetwas nicht stimmte. Dieter, so der Zuhörer, handele ja nicht nur defizitorientiert, sondern bestärke den anderen geradezu in seinen Wahnvorstellungen. Und all das sei doch in höchstem Maße unprofessionell….
Ist es das?
Aus neoliberaler Sicht – und die vertrat der Zuhörer nicht – läge die größte Verfehlung des Beraters vermutlich darin, dass er nicht hinterfragt, wovon der Mann lebt und dann, wenn dieser Sozialhilfe, Bürgergeld oder Grundsicherung erhält, daran arbeitet, ihn dazu zu bringen, irgendeine Beschäftigung zu übernehmen, statt sinnlose Texte für nicht existierende Außerirdische zu schreiben. Das alles, damit er sich selbst ernähren kann und dem Staat nicht länger zur Last fällt.
In dem Roman greift schließlich die andere Variante neoliberaler Reaktion: Als Dieter für ihn nicht mehr erreichbar ist, wird Heisinger auffällig und stört die Abläufe, wird an die Polizei gemeldet und landet sofort in der Psychiatrie, wo er wegen seiner verzweifelten Versuche, sich zu wehren, fixiert wird und nun tatsächlich zu dem kranken Menschen wird, der er angeblich ist.
Aber auch jenseits neoliberaler Kritk scheint das beschriebene Beraterverhalten zu verunsichern? Dieter hat nichts getan?
Doch, er hat sehr viel getan. Er hat dem Mann einen Schutzraum geboten, ihm Verständnis und Achtung entgegengebracht, seine sonderbare Wirklichkeit nicht verurteil und abgekanzelt, sondern akzeptiert. Er hat dem Mann die Möglichkeit gegeben, in Frieden so zu sein, wie er sein konnte.
Er hat im Sinne der klientenorientierten Beratung mit ihm gesprochen und damit bei ihm Ängste gelöst, den Weg zu eigenen Lösungen geöffnet, den Lebensmut gestärkt. Diese Art der Beratung ist ein sehr aktives Tun. Aber die meisten, die davon sprechen, haben überhaupt nicht kapiert, worin die Heilungskraft dieser Art der Gesprächsführung tatsächlich besteht. Sie vermittelt ein Beziehungsangebot, eine menschliche Begegnung und bei den KlientInnen die psotove Erfahrung, wertgeschätzt und bedingungslos akzeptiert und verstanden zu werden. Aber das ist kein Freundschaftsantrag, keine persönliche Beziehung, wie es immer wieder unterstellt wird. Die Qualität dieser Beratungsform besteht gerade darin, weder in eine kalte Distanz und Empathielosigkeit zu verfallen noch die professionelle Distanz zu durchbrechen oder aufzugeben.
Das Problem von Nähe und Distanz – aus neoliberaler und aus humanistischer Sicht
Und genau an dieser Stelle sind wir bei der Problematik von Nähe und Distanz angekommen, bei der Frage, welche Rolle die sogenannte Beziehungsarbeit in der Sozialen Arbeit spielt und spielen sollte und bei dem neoliberalen Vorwurf der Defizitorientierung, bei dem Vorwurf, Beziehungsarbeit sei unprofessionell, bei der neoliberalen Empfehlung, gegenüber der Klientel distanziert und neutral zu sein.
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Sehr geehrte Frau Seithe, mit viel Interesse lese ich Ihr Buch „Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute“, das ich mir im…