Einer meiner favorisierten Kabarettisten, war es Volker Pispers oder war es Georg Schramm, hat einmal gesagt, dass er als Kabarettist eigentlich eine sehr merkwürdige und unbefriedigende Rolle spiele: Er hält den ZuschauerInnen den Spiegel vor, er entlarvt für sie die Lügen der Gesellschaft, er klagt die Missstände und Bedrohungen an, unter denen die Menschen leiden, ohne es zuzugeben. Und er erntet dafür in der Regel auch heftigen, ja begeisterten Beifall und scheinbar viel Zustimmung. Doch dann ist das Stück aus und die Leute gegen zufrieden nach Hause. Sie sind sogar stolz darauf, dass sie sich so etwas Kritisches ungerührt haben anhören können, ja sogar zugeben konnten, dass der Herr auf der Bühne ja gar nicht Unrecht hat. Und sie sind angenehm entlastet und erleichtert, weil da immerhin jemand ist, der deutlich sagt, was los ist, der Klage erhebt. Das beruhigt ihr Gewissen. Und damit kann dann aber alles so weitergehen wie bisher.
An diese Aussage musste ich vor ein paar Tagen denken, – ich war dabei, die Reihe meiner Vorträge für mein Blog zusammenzustellen, die ich nach 2017 gehalten habe – als ich im Netz nach dem genauen Datum suchte, an dem ich auf der Jubiläumsfeier des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Schleswig-Holstein die politische Festrede halten durfte. Ich fand die Veranstaltung selbst, es war 2019, aber ich fand keinen, nicht den kleinsten Hinweis darauf, dass es an diesem Tag eine Festrede gab, schon gar nicht eine, die von mir gehalten wurde.
Darauf hin wandte ich mich an „Bruder KI“, und was sich aus diesem „Gespräch ergeben hat, dass muss man sich langsam auf der Zunge zergehen lassen. (s.u.)
Daraufhin habe ich beschlossen, nie mehr eine kritische Rede auf irgendeiner Jubiläumsveranstaltung zu halten, auch wenn die Veranstalter noch so sehr argumentieren, sie wünschten sich gerade für diesen Tag, dass jemand einmal deutlich aufzeigt, wo unsere Profession heute eigentlich steht.
Ich habe das bis heute 4 oder 5 mal gemacht und wurde dabei das Gefühl nie los, dass meine Rede eigentlich nicht viel mehr war als ein Alibi für die Veranstalter und vielleicht auch für das Publikum und als kritische Sozialarbeiterin damit in genau die gleiche Rolle zu geraten wie jene kritischen Kabarettisten.
Ein großer Verlust für die humanistische Soziale Arbeit
Vor Tagen erfuhr ich, dass unsere liebe Kollegin und unermüdliche Kämpferin für eine humanistisch ausgerichtete Soziale Arbeit, Frau Prof. Dr. Staub-Bernasconi verstorben ist.
Sie fühlte sich der Wissenschaft wie der Praxis in gleicherweise verpflichtet und verstand ihre Arbeit als Handlungsorientierung. Ihr Ansatz ist eine große Bereicherung der theoretischen Landschaft unserer Profession.
Ihr Tod erfüllt mich auch deshalb mit Trauer, weil wir mit ihr eine Kollegin verloren haben, die sich wehrhaft und konsequent für die politische Mitverantwortung und Mitsprache unserer Profession in gesellschafts- und sozialpolitischen Fragen eingesetzt hat. Mit ihrer Konzeption der ‚Menschenrechtsprofession Soziale Arbeit‘ schuf sie ein bewusst parteiliches Gegenmodell zu den theoretischen Ansätzen, die sich hinter der Neutralität der Wissenschaft verstecken und meinen, eine unmissverständliche Parteinahme für Menschlichkeit sei der Wissenschaft Soziale Arbeit nicht erlaubt.
Ihr Ansatz beruht auf einer klaren Position, die die Aufgabe der Sozialen Arbeit darin sieht, den Menschen zu dienen und nicht irgendwelchen abstrakten oder gar gegen die Menschen gerichteten, neoliberalen Zielen. Frau Staub-Bernasconi steht für eine Soziale Arbeit, die sich dafür entschieden hat, dass sie an der Seite der Betroffen stehen will und sich nicht von anderen Interessen instrumentalisieren lassen will.
Auf dieser Basis hat Frau Staub-Bernasconi ihre wissenschaftlichen Überlegungen entwickelt und hergeleitet.
Wir sind ihr zu großem Dank verpflichtet.
Anmerkung:
Es gibt die Kritik an ihrem Ansatz, dass sie durch ihre Forderung nach Parteinahme und politischem Engagement der Sozialen Arbeit „nur“ die Funktion einer moralischen Instanz zuweist und sie nicht als „funktionales Teilsystem der Gesellschaft“ betrachtet. Dazu möchte ich Folgendes anmerken:
Gegenstand der Handlungswissenschaft Soziale Arbeit ist das gesellschaftliche und personalisierte soziale Handeln gegenüber denjenigen Menschen, die Unterstützung bei der Bewältigung ihres Lebens benötigen. Ein wesentlicher und bei der wissenschaftlichen Betrachtung nicht zu vernachlässigender Aspekt dieses Handelns ist die jeweilige Motivation, die dieses Handeln auslöst. Und je nachdem, wie dieses Handeln gesehen wird, vor allem, welche Ziele mit der Unterstützung verfolgt werden, wird die Handlungswissenschaft unterschiedliche theoretische und vor allem ethische Grundprinzipien zur Erklärung ihrer Zusammenhänge heranziehen müssen.
Deshalb gibt es nicht die „eine Soziale Arbeit“. Es wäre m. E. falsch, z. B. der neoliberalen Sozialen Arbeit diese Bezeichnung abzusprechen. Es gibt nicht die wissenschaftlich richtige oder falsche Sozialarbeits-Konzeption. Es kommt vielmehr darauf an, in welchem Interessen-Kontext die gesellschaftliche Aufgabe Soziale Arbeit gesehen und verortet wird. Daraus ergeben sich unterschiedliche theoretische und erst recht unterschiedliche praktische Konsequenzen und somit unterschiedliche Vorstellungen von Sozialer Arbeit.
Aber diese Konzepte sind nicht als beliebig zu sehen: Für welche der Konzeptionen ich mich entscheide, hängt von meiner gesellschaftspolitischen Einstellung und von meinem Menschen- und Gesellschaftsbild ab. Während sich zum Beispiel für eine BiologIn politische Fragen vielleicht erst stellen, wenn es um die Anwendung ihrer Ergebnisse geht, stellen sie sich für die Handlungswissenschaft Soziale Arbeit von Anfang an.
Endlich habe ich Nerv und Zeit gefunden, meine Vorträge, die im Kontext mit dem neuen Buch Soziale Arbeit und Neoliberalismus heute – schwarz auf weiß entstanden sind, hier in meinem Blog einzustellen. Sie sind oben im Menü zu finden unter Vorträge.
Eine der Fragen aus dem Kreis der MitarbeiterInnen, die mir der Landesverband bwlv im Vorfeld der Jahrestagung zugetragen hatte war: „Wie können wir in Gremien oder gegenüber unseren Geldgebern argumentieren, wenn wir Foderungen durchsetzen und unsere Anliegen zur Sprache bringen wollen?“
In seiner Begrüßungsrede klagte der Geschäftsführer des bwlv über die drohende Unterfinanzierung der Arbeitsbereiche des Landesverbandes und erklärt ser kämpferisch die Notwendigkeit die Absicht, sich gegen die Sparmaßnahmen zu wehren. Er beschwor die Tatsache, dass die Arbeit seiner Einrichtungen zwar Geld koste, dass man dem Geldgeber aber klarmachen müsse, dass der Staat für jeden ausgegebenen Euro vielleicht 15 Euro oder sogar mehr zurückbekäme, weil die Arbeit der Einrichtungen dafür Sorge trage, dass Menschen in Zukunft weniger Kosten erzeugen und über ihre wiedererlangte Arbeitsfähigkeit Steuern einbringen werden.
Gegen eine solche Argumentation ist im Prinzip nicht viel einzuwenden, denn sie ist in vielen Fällen durchaus richtig. Problematisch aber ist es, sich ausschließlich auf ökonomsiche Argumente zu stützen, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Berechtigung und Notwendigkeit Sozialer Arbeit und gesundheitlicher Präventionsmaßnahmen fachlich, ethisch und sozialpolitisch zu begründen. Dies war eine der zentralen Botschaften meines Vortrags und für alle Anwesenden, die sich vielleicht von mir erhofft hatten, dass ich ihnen neue, besonders geschickte ökonomisch begründete Argumentationshilfen bereitstellen würde, war sie sicher eine besonders harte Nuss. Denn man hat sich inzwischen längst daran gewöhnt zu versuchen, nur noch mit ökonomischen Argumenten die ausschließlich ökonomisch denkenden PolitikerInnen und Verwaltungsleute von der Notwendigkeit fachlicher Forderungen und ethischer Erfordernisse für unsere KlientInnen zu überzeugen. Doch nur dann, wenn unsere Professionen selbstbewusst auftreten und ihre Forderungen aus ihrer eigenen Expertise heraus begründen und herleiten, stellen sie dort, wo es um Menschen und nicht um die Produktion von Industriewaren geht, die Berechtigung einer alleinigen Dominanz ökonomischer Aspekte dort infrage. Und nur auf diese Weise haben wir eine Chance, den Geldgebern und auch der Öffentlichkeit klar zu machen, dass die neoliberale Denkweise nicht dem entspricht, was unsere Gesellschft eigentlich sein will und unangefochten zu sein vorgibt: eine gerechte, menschenenwürdige gesellschaftliche Gemeinschaft, in der es niemanden gibt, der ausgegrenzt werden darf, weil er weniger leistet oder weniger wert ist. Dies zu verschweigen oder zu übergehen bedeutet, die Dominanz des ökonomischen Denkens, im Sinne eines alles umfassenden ökonomistischen Denkens, hinzunehmen, zu akzeptieren, ja schließlich auch, sie selbst zu bestätigen.
am Rande: Jemand erzählte, dass auch die Psychotherapeuten inzwischen von Kürzungen massiv bedroht sind und sie versucht haben, die Notwendigkiet der von ihnen geforderten Gelder tatsächlich mit fachlichen Argumenten zu unterstützen. Sie haben tatsächlich versucht, deutlich zu machen, was diese Kürzungen für ihre KlientInnen bedeuten würde. Aber sie waren völlig schockiert, als sie merkten, dass auf der politischen Seite dafür keinerlei Vertändnis zu finden war. „Sie waren völlig entsetzt, als sie merkten, dass die Geldgeberseite keinerlei Ahnung von dem hatten, worum es bei ihrer therapeutischen Arbeit geht.“
Ich denke, das Problem ist nicht, dass die andere Seite nicht versteht, worum es den Therapeuten geht. Sie wollen es gar nicht so genau wissen. Und es geht eben auch gar nicht darum, es ihnen verständlich zu machen. Es geht darum, ihnen klar zu machen, dass es andere, fachliche und von ihnen nicht wirklich zu beurteilende Argumente und Kriterien gibt, die ihre rein ökonomischen Effizienzüberlegungen relativieren. Es geht darum, die fachliche Expertise selbstbewusst vorzutragen und das Misstrauen der Geldgeber allem gegenüber, was ihren engen, ökonomistischen Horizont übersteigt, infrage zu stellen und zurückzuweisen.
„Es stimmt, wir haben uns alle daran gewöhnt, so zu arbeiten und so zu denken. Wir finden das ganz normal. Jetzt wird es mir bewusst..“
„Was Sie gesagt haben, erinnert mich an das, was ich wollte, als ich von 30 Jahren angefangen habe zu arbeiten. Es hat mich auf den Boden zurückgeholt.“
„Jetzt habe ich endlich Begriffe und Erklärungen für das, was ich täglich erlebe.“
„Ich arbeite mit SozialhilfeempfängerInnen, um sie wieder arbeitsfähig zu machen. Das sind die, die es schaffen können.“ Als ich frage, was denn mit den anderen ist, mit denen , die es eben nicht schaffen. Sie zuckte hilflos die Schultern. „Ja, Sie haben Recht, um die soll ich mich nicht weiter kümmern.“
„Es wird Zeit, dass ich mal wieder einen Artikel schreibe.“
A. brachte mich in Basel am letzten Tag zur Bahn und erzählte auf dem Weg zum Bahnhof v0n ihrer Arbeit. Sie hat eine leitende Position in einer Einrichtung der ambulanten Arbeit mit behinderten Erwachsenen. Sie hätte sich gar nicht um den Posten bemüht, aber eines Tages sei ihre Chefin auf sie zugekommen und habe gesagt: „Du hast immer so gute Ideen, wie es anders sein könnte. Ich glaube du würdest unserer Arbeit gut tun!“.Da hätte sie sich nicht lange bitten lassen. Das erste, was sie in der neuen Position getan hat, war, über die prekäre finanzielle Situation in ihrem Arbeitsbereich einen saftigen Artikel zu schreiben, der veröffentlicht wurde. Sie hatte deswegen bald ein persönliches Gespräch mit dem Geldgeber, der versuchte, ihr klar zu machen, dass es so nicht ginge. Sie habe ihn herausgefordert, über den Inhalt ihres Textes mit ihr zu dskutieren. Ergebnis: Er hat sie 4 Jahre lange nicht gegrüßt. Jetzt im 5. Jahr grüßt er sie.
Ich musste lachen. „Aber so weit ich es sehe, ist in der Behindertenarbeit die neoliberale Entwicklung noch vergleichsweise wenig fortgeschritten, oder?“, sagte ich. Jetzt lachte sie. „Von wegen! Dass, was Sie gesagt haben, dass nur die Starken gefördert werden, dass es immer nur darum geht, die Starken zu unterstützen und zu Menschen zu machen, die Leistung erbringen, das ist bei uns inzwischen genau so an der Tagesordnung- und das, obwohl unsere Menschen weit davon entfernt sind, leistungsstarke Kunden werden zu können. Allein die Geschichte mit dem „persönlichen Budget“, wie es in Deuschland genannt wird, lässt doch die, die mit der damit verbundenen Bürokratie und der Aufgabe, sich selbst entscheiden und kümmern zu müssen, hoffnungslos überfordert sind, hilflos zurück. Das ist eine Illusion und letztlich ein Sparprogramm…“
Dennoch, A. ist sich manchmal nicht sicher, ob sie wirklich richtig liegt. Sie habe Angst, durch ihre Aktivitäten und ihre „Rebellion“ die Lage ihres Trägers zu erschweren, den reibungslosen Ablauf zu stören und bekäme dann ein schlechtes Gewissen. Mein Vortrag aber, so sagte sie mir am Schluss, hätte sie ermutigt und ihr gezeigt, dass sie goldrichtig liege. Wer sich erpressen und einschüchtern lässt von dem Auftrag, den neoliberalen Apparat am Laufen zu halten, der könne keinen Widerstand leisten. Es sei wohl an der Zeit, dass sie wieder mal einen saftigen Artikel schreibe – dieses Mal über die sozialpädagogisch unsinnige und kontraproduktive Tendenz, nur die behinderten Menschen zu fördern, bei denen man denkt, man könne bei ihnen „Stärke“ entwickeln… Recht hat sie.
„Sie haben mich gerettet“, sprach mich eine der ZuhörerInnen in Basel an. Sie meinte mein Buch. Es hätte sie ermutigt, zu kündigen. Sie sei im Allgemeinen Sozialdienst beschäftigt gewesen, mit 120 Fällen, sei überfordert gewesen und krank geworden. Sie habe immer versucht, mit ihren Klienten zu sprechen, sie zu beraten, sie zu unterstützen. Aber das gab die Zeit nicht her und es war auch nicht gewollt. „Du hast halt die Administration nicht drauf“ , wurde ihr gesagt. „Du willst beraten. Das ist nicht unsere Aufgabe.„
Sie hat geglaubt, sie würde etwas nicht können, läge mit ihrem Ansatz nicht richtig. Durch mein Buch, so sagte sie, habe sie begriffen, was da falsch läuft und dass sie das nicht mitmachen will. Sie hat endlich gekündigt. Jetzt geht es ihr viel besser. Sie hat nur noch 12 KlientInnen, um die sie sich kümmern kann und bei denen Sie merkt, dass sie wirklich Unterstützung leistt. Sie darf jetzt mit ihnen arbeiten, sie beraten und dafür sorgen, dass sie besser klar kommen. Allerdings – ihre Aufgabe bestehe nur darin, diese Menschen wieder arbeitsfähig zu machen. Ihr ihr sei die Begrenzung ihrer neuen Aufgabe sehr bewusst. Ihr sei klar, dass sie auch jetzt voll im politischen System eingebunden sei. Aber noch lasse man ihr die Zeit und die Möglichkeit, in diesem Kontext – sozusagen subversiv – wirklich Soziale Arbeit zu machen und sich – zu mindest in Ansätzen- ganzheitlich um die Probleme der Mesnschen zu kümmern.
Man hat immer wieder versucht, mich mit dem Begriff „aktivieren“, in die Enge zu treiben.“
S. in Basel erzählte mir: „Ich habe mich immer bemüht, meine KlientInnen konkret zu unterstützen, bei ihnen Lernprozesse in Gang zu setzen, sie nicht allein zu lassen in schwierigen Situationen. Aber immer warf man mir im Team vor, ihr würde paternalistisch arbeiten, würde meine Leute unselbständig machen, weil ich ihnen angeblich alles abnähme. Durch Ihre deutliche Unterscheidung hier beim Vortrag und in Ihrem Buch zwischen einer sozialpädagogischen Motivierung und dem, was der neoliberale Staat unter Aktivierung versteht, weiß ich endlich, dass ich völlig richtig liege und deren „Aktivieren“ nicht das ist, was ich machen will.“
Tatsächlich trifft ein solcher Vorwurf heute Sozialarbeitende ziemlich heftig. Sie wollen auf keinen Fall die Menschen bevormunden, wollen nicht „kolonialisieren“, wollen selbstverständlich Hilfe zur Selbshilfe leisten. Doch die Verherrlichung der Vorstellung, dass Klienten eigentlich alles selbst hinbekommen, wenn man es ihnen nicht abnimmt, ist nicht nur psychologisch und pädagogsch falsch. Sie erzeugt außerdem eine Situation weit entfernt von Solidarität, Unterstüzungserfahrungen und zwischenmenschlichem Miteinander. Sie proklamiert nur das autarke Individuum. Wenn die neoliberale Soziale Arbeit behauptet, sie würde durch das Aktivieren Menschen motivieren, so liegt sie falsch. Motiveren ist ein Prozess, der intrinsische Motivation fördert. Aktivieren ist ein „Schubs“ und die unmittelbare Aufforderung, sofort selbst tätig zu werden. Es funktioniert dort, wo der Betroffene bereit und in der Lage ist, sich auf der Stelle in Bewegung zu setzen. Die anderen fallen hin, stürzen, bleiben hilflos oder unwillig stehen….
Die Einladungen nach Basel und in den Nordschwarzwald nach Bad Herrenalb lagen schon lange vor, die Vorträge waren fertig – als die Reise wegen der unsäglichen Hitze Ende Juni lange auf der Kippe stand. Aber genau zum Tag meiner Anreise hatte es sich etwas abgekühlt und ich machte mich auf denWeg.
Zunächst nach Basel zum Forum für kritische Soziale Arbeit, Schweiz (KRISO). 7 Stunden ICE, der schließlich mit einer StundeVerspätung ankam … Ich hatte die KollegInnen von der KRISO gut auf meinen Unterstützungsbedarf vorbereitet: Ich wurde am Bahnhof abgeholt und ins Hotel gebracht. Am nächsten Tag war ich mit T. unterwegs in der beeindruckenden Stadt, die ich bis dahin noch nicht kannte.
Abends holte er mich vom Hotel zum Vortrag ab.
Die Gruppe hatte in einem uralten Gebäude (ich glaube ehemals Uni) einen kleinen Hörsaal zur Verfügung gestellt bekommen, direkt am Rhein und mit einem Ambiente, das mir schon zu meiner Studienzeit antik vorgekommen wäre: lange Reihen von Holzbänken mit herunterklappbaren Tischchen… Ich baute mir aus alten dicken, verstaubten Buch-Bänden, die vergessen auf der Fensterbank herumlagen, meine Unterlage auf dem alten Stehpult zurecht ….
Es kamen gut 40 SozialarbeiterInnen aus verschiedenen Ecken der Schweiz. Es waren lauter Menschen, die ganz genau wussten, was es derzeit geschlagen hat, und das, obwohl die neoliberalen Entwicklungen in der Sozialen Arbeit in der Schweiz noch eher moderat auszufallen scheinen. Alle waren gut drauf, lauter gestandene Leute und es herrschte eine wohltuende, solidarische Atmosphäre. Einige kannten mich noch von meinem Vortrag in Bern vor etlichen Jahren. Mir kam der Abend vor wie ein Heimspiel vor einer kleinen Fan-Gemeinde. Ich fühlte mich wie zu Hause und habe an diesem Abend selbst viel Kraft geschöpft aus der Erfahrung, dass es doch immer wieder kluge, erfahrene, hochkritische aber unverzagte KämpferInnen in unserer Profession gibt. Die Inhalte meines Vortrags waren sicher für die meisten von ihnen nicht neu. Aber viele bedankten sich und sagten, mein Vortrag hätte sie ermutigt und gestärkt. Andere freuten sich, weil sie jetzt mehr Klarheit hätten und gute Argumente für die Auseinandersetzungen mit ihrem neoliberalen Arbeitsumfeld. Der Abend klang aus bei interessantem Erfahrungsaustausch und Geplauder in der hereinbrechenden, warmen Sommernacht von dem Eingang des Gebäudes. Ich wurde wieder zum Hotel gebracht und am nächsten Morgen holte mich eine andere Sozialarbeiterin ab und brachte mich zum Zug. Ich möchte den Leuten der KRISO noch einmal herzlich für ihre fürsorglich Unterstützung und ihr großes Interesse danken. Die weite Reise hat sich gelohnt, für mich und ich denke, auch für sie.
Die 2. Etapppe führte mich nach Bad Herrenalb
Hier hielt ich meinen Vortrag auf der Jahrestagung des Baden-würtettembergischen Landesverbandes für Prävention und Rehabilitationbwlv (umfasst 900 MitarbeiterInnen und 54 Einrichtungen bzw. Kliniken), die unter dem Motto stand: „Zwischen Ökonomisierung und Professionalisiserung: Wenn Rahmenbedingungen die Arbeit erschweren – und welche Lösungen wir entwickeln können“.
186 Leute saßen schließlich vor mir im großen Saal der ev. Akademie in Bad Herrenalb. Man hatte sich gewünscht, dass ich mit meinem Vortrag etwas Licht in die politischen Hintergründe der aktuellen und beunruhigenden Entwicklungen und Sparpläne im sozialen Bereich bringen würde. Die Stimmung allgemen im Landesverband und bei den MitarbeiterInnen stehe auf Sturm. Man sehe die Notwendigkeit, sich um Politik zu kümmern.
Die Ausgangssituation hier war ganz anders als in Basel, aber das Interesse war auch hier sehr groß. Viele sprachen mich hinterher an, dankten mir und meinten, dass sie nun besser wüssten was, eigentlich los sei, dass sie jetzt klarer sehen könnten, woher die Problemen kämen. Etliche versicherten mir, der Vortrag hätte ihnen gut getan.
Das ist viel und es hat mich sehr gefreut. Es kann der Anfang sein von sehr viel mehr. Aus der Erkenntnis, was tatsächlich zurzeit passiert, kann die Erkenntnis erwachsen, dass es gilt, sich endlich zur Wehr zu setzen. Auch in Bad Herrenalb hat man sich liebevoll um mich gekümmert und viel Rücksicht genommen auf meine altersmäßig begrenzten Kräfte. Ich wünsche dem Landesverband und allen MitarbeiterInnen, dass sie einen kritischen Blick beibehalten und aufpassen, dass sie nicht der Gefahr unterliegen, sich anzupassen und blind zu werden für das, was derzeit mit der Sozialen Arbeit und der sozialen Therapie und mit den Menschen, um die es uns geht, geschieht.
Gesellschaftlich bedingte Behinderungen einer humanistisch ausgerichteten Sozialen Arbeit
Hellersdorf – alte Bekannte.. Vor ein paar Tagen war ich als Referentin nach Hellersdorf eingeladen, einem Berliner Neubaubezirk mit hoher Quote an Sozialproblemen. In meinem Buch (Soziale Arbeit und Neoliberalisus heute – schwarz auf weiß, 2025) habe ich ein Zeitungs-Interview mit dem Leiter eines Kinder- und Jugendzentrums in diesem Stadtgebiet zitiert, das erschreckende Zustände offenbarte – wobei das Erschreckendste dabei war, dass trotz alarmierender Problemlagen vieler Kinder und trotz ständiger Alarmsignale Richtung Politk das Jugendzentrum so schlecht besetzt und ausgestattet war, dass die MitarbeiterInnen ihre Möglichkeiten nicht viel höher einschätzten als den berühmten „Tropfen auf den heißen Stein“.
Der Auftrag an mich Die Koordinierungsstelle für Alleinerziehende in Marzahn-Hellersdorf hatte zu ihrem jährlichen Vernetzungstreffen eingeladen. Die Verantwortlichen signalisierten mir, dass es vielen der bei ihnen vernetzten Kolleginnen darum ginge, Erklärungen zu finden für die Belastungen, Grenzen und Einschränkungen, die sie in ihrer täglichen Arbeit mit den Alleinerziehenden erfahren.
Mein Vortrag hatte den Titel „Was können wir als Sozialarbeitende unter den gegebenen neoliberalen Bedingungen noch für unsere Klient*innen tun?“ Ein wenig hatte ich vorher die Befürchtung, dass meine Aussagen auf Verwunderng oder gar Ablehnung stoßen könnten, denn so oft in der Sozialen Arbeit werden die persönlich erlebten Probemlagen der KlientInnen nur als deren ganz eigene Schwierigkeiten aufgefasst, denen man mit entsprechenden individuell auf sie zugeschnittenen Hilfestellungen begegnen könne.
Dass das hier nicht so war wurde mir schnell klar. Vor mir saßen lauter gestandene Sozialarbeitende, die tagtäglich mit gesellschaftlichen Bedingungen zu kämpfen haben, die einerseits das Leben ihrer KlientInnen massiv erschweren und andererseits ihre eigene, am Wohl der von ihnen betreuten Einelternfamilien orientierten Arbeit, behindern, auf den Kopf stellen und verunmöglichen und die nicht bereit sind, sic damit so einfach abzufinden.
Der Workshop Im anschließenden Workshop „Woran liegt es, dass die Probleme unserer KlientInnen so oft nicht gelöst werden können?“ prasselten die entsprechenden Beispiele, die die TeilnehmerInnen aus ihrer Praxis mitbrachten, nur so auf mich nieder und es entstand eine spannende und ergebnisreiche Diskusson. Damit auch andere an unserem Erkenntnisprozess teilhaben können, veröffentliche ich hier das Protokoll, das im Anschluss dieses Workshops für das Plenum erstellt wurde:
Workshop 2 Hellersdorf 10.6.26 Woran liegt es, dass die Probleme unserer KlientInnen so oft nicht gelöst werden können? Zusammenfassung der Ergebnisse
Irgendwie hatten wir es doch von deinen Aktivitäten dort. Vielleicht hab ich das auch falsch verstanden?